POSsierlich
Von Lattmann„Point of Sale“ oder, kryptischer noch, „POS“! Was bitte ist das genau? Die Wette gilt: Wer einer beliebige Stichprobe von Normalverbrauchern dazu Begriffserklärungen abverlangt, wird eine karge Ernte einfahren. Der auch noch in fremder Zunge codierte Fachbegriff gehört nicht zum Sprachschatz von Konsumbürgern. Aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis, den ein deutschlandtypischer Mix bildungsnaher- und –ferner Schichten prägt, kam beim neugierigen Nachhaken nur Schulterzucken als Echo. Selbst die großzügige Erlaubnis, einen blitzgescheiten Telefonjoker anzurufen, führte nicht zum Erfolg.
Der Betreiber des im Bild gezeigten Geschäfts darf demnach eher nicht hoffen, dass die weltmännisch gemeinte Firmierung seinem Markt in Münster/Westfalen schon Top-Frequenz verschafft. Immerhin: Das Kleinergedruckte gibt der Zielgruppe dann doch unverschlüsselt formulierte, wertvolle Hinweise zum Sortiment: Preisgünstige Marken-Textilien oder zumindest solche, die in fernen Ländern mit Marken-Kennzeichen versehen wurden, werden da angepriesen. Ob Merkur, Gott der Händler und der Diebe, da vielleicht doch ein Einsehen hat und den kühnen Handelsmann mit klingender Münze belohnt?
Für professionelle Key Accounter, Einkäufer, Werbefachleute und sonstige Eingeweihte ist der „Point of Sale“ natürlich der Dreh- und Angelpunkt. Doch die Schar der Schnäppchenjäger, die Handel und Industrie am POS ordentlich mit Umsatz-Euros belohnen soll, will sich am „Ort der Wahrheit“ so wohl wie nur möglich fühlen. Ob ein „Event“ wirklich mehr Käufer anlockt als ein „Spektakel“, ist keineswegs erwiesen. Und – um den roten Faden fortzuspinnen – fährt ein „Sale“ tatsächlich mehr Ab- und Umsatz ein als der über Jahrzehnte verinnerlichte, saisonal klar zurechenbare und damit Orientierung gebende „SSV“ bzw. „WSV“?
Auch wer kein Englisch kann, hat längst gelernt, dass im Handel heutzutage ganzjährig immer irgendwo „Sale“ zelebriert wird. Für manchen Konsumenten ist Beliebigkeit freilich ein Gegner des Besonderen, also des vielbeschworenen „Erlebnis“-Einkaufs. Hinzu kommt: „Sale“ steht heute aus Verbrauchersicht nicht mehr nur für den (Schluss)-Verkauf traditioneller Prägung, sondern genauso für „Ausverkauf“, sprich: für Pleite, Insolvenz, Konkursmasse, Restantenramsch und damit die allzeit mögliche Schnäppchenjagd.
Die nachhaltig verfestigte Orientierung deutscher „Shopper“ auf möglichst niedrige Verkaufspreise wird oft beklagt. Ob eine forcierte „Sale“-Strategie dem ein Ende setzen kann, muss wohl eher verneint werden.




