
Nachhaltigkeit muss man kommunizieren, heißt es. Wenn man dem Kunden nur schlüssig erklärt, wo der ökologische und soziale Mehrwert eines Produkts, einer Aktion oder eines Klimamarktes liegt, wird der Verbraucher die Botschaft annehmen und würdigen, er wird höhere Preise zahlen, dem Markt für sein gutes Gewissen danken, ihn moralisch aufwerten und ihm auf ewig die Treue halten. So weit die Theorie.
Jetzt kommt die Praxis: Brunnenwasser für die Spülung der Kundentoilette im Kaufland von Stadthagen (Niedersachsen). Im Grunde ein edles Unterfangen, wird doch dank des Wassers aus dem Brunnen kein wertvolles Trinkwasser verschwendet, keine Energie für den Betrieb einer Kläranlage verplempert und dementsprechend kein klimaschädliches Treibhausgas in die empfindliche Atmosphäre geblasen.
Und was sagt der Kunde dazu? „Gelogen“, steht handschriftlich unter der ökologischen Friedensbotschaft. „Undankbares Pack!“, möchte man im Augenblick der ersten Entrüstung den Kunden im Allgemeinen und dem Schreiber im Besonderen zurufen. „Da reißt man sich ein Bein für euer gutes Gewissen aus und ihr tretet es mit Füßen!“ Doch halt: Das greift zu kurz.
Denn haben wir in diesem Fall wirklich alles getan, um den Kunden mit sanftem Druck auf den grünen Pfad der Tugend zu führen? Haben wir nichts unversucht gelassen, um ihm alles schlüssig, einfach und am besten dreimal zu erklären? Zweifel sind angebracht. Denn mit den vier Worten „Aus Liebe zur Umwelt“ haben wir dem Verbraucher nur unzureichend klargemacht, warum Brunnenwasser gut für die Bewahrung der Schöpfung ist. Es fehlen die grundlegenden Argumente zu Trinkwasserschutz und Energiesparen, es mangelt an CO2-Bilanzen und Vergleichsgrafiken. Zu einer bloßen Behauptung ohne Begründung sagt es sich eben leicht: „Gelogen.“
Geholfen hätte der Segen einer höheren Instanz. Auf dem ganzen großen Zettel findet sich aber kein einziges Gutachten von Tüv oder Öko-Institut, kein Blauer Engel und kein süßer WWF-Panda, nicht einmal ein Pro-Planet-Logo. Dass der Kunde in Zeiten von Bio-Möhren und Utz-Schokoriegeln in so einem Fall misstrauisch wird, ist abzusehen.
Brunnenwasser ist nun einmal braun, und da hilft es auch nichts, dem Kunden vormachen zu wollen, es sei „bedingt durch die Zusammensetzung leicht verfärbt“, wie es auf dem Kundeninformationszettel steht. Braun ist das Brunnenwasser, wie der Acker, wie die gute Scholle, wie die Mutter Erde, von der wir uns alle nähren, die das Korn wachsen lässt und auf der glückliche Kühe gedeihen. So geht das. Wenn schon, denn schon.
Und dann der letzte Satz: „Wir danken für Ihr Verständnis.“ Eine Verkehrung der Verhältnisse! Nicht der Markt sollte seinen Kunden danken, sondern die oben erwähnte Mutter Erde. Wer hat schon ein gutes Gewissen, wenn Kaufleute in seiner Schuld stehen? Das wäre allenfalls finanziell interessant, aber von einem Rabattprogramm für häufige Toilettenbenutzung ist auf dem Zettel keine Rede. Umgekehrt wird ein Schuh draus: „Die Umwelt dankt Ihnen für Ihr Engagement.“ Schon fühlt sich der Kunde geschmeichelt, murmelt nach verrichtetem Geschäft mit verlegenem Stolz ein „Ach, das habe ich doch gern gemacht“ und verlässt die Toilette mit frisch poliertem Umweltgewissen.
Wenn die Botschaften geklärt sind, ist die Präsentation nur noch Formsache, aber stimmen muss sie natürlich trotzdem: Also weg mit der klimaschädlichen Plastikfolie, den neuen Text auf 100 Prozent Recyclingpapier ausgedruckt und in einen Rahmen aus FSC-zertifiziertem Kiefernholz und wieder verwertbarem Glas (Vorsicht vor PVC) gepackt. Fertig! Jetzt ist der Kunde perfekt auf den umweltfreundlichen Toilettenbesuch eingestimmt.
Nachhaltigkeit muss man eben kommunizieren.