14. April 2011 um 13:56 Uhr

“Revolutionäre” Öffnungszeiten

Von Lattmann

Im beschaulichen Lampertheim scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein – seit ungefähr 1985.

Der schmucke Ort im südhessischen Kreis Bergstraße begrüßt seine Gäste an den Ortseingängen mit einem Schild, das auf die Kernöffnungszeiten von 9 bis 18.30 Uhr hinweist, die „das Plus für Lampertheim“ sein sollen – allerdings mit zwei Stunden Mittagspause. Das ist heutzutage ziemlich ungewöhnlich für eine Stadt mit 31.000 Einwohnern, aber in Lampertheim dauert eben manches etwas länger. Erst 1716 erhielt der Ort das Marktrecht, 1930 sein Wappen und 1951 das Stadtrecht. Fußballvereine heißen hier  „Waldesruh“ und Stadtteile „Rosengarten“, das Großereignis des Jahres ist der Lampertheimer Spargellauf, und die Lampertheimer Zeitung berichtet über renaturierte Bäche und bastelnde Kinder. Kein Wunder also, dass hier Schleckers Fensterbeklebung „durchgehend geöffnet”, wie man hört, noch als revolutionär gilt…

4. April 2011 um 14:43 Uhr

Lidls fünfte Putzkolonne

Von Lattmann

 

Beispiele für verwegene, von triumphalem Flaggenhissen gekrönte Husarenritte auf gegnerischem Terrain kennt ein jeder. Die Älteren unter uns Geschichtsbegeisterten haben natürlich jene sechs US-Marines vor Augen, die am 23. Februar 1945 das Sternenbanner auf der Pazifikinsel Iwo Jima in die Vertikale wuchteten. Etwas Jüngeren ist womöglich noch die historische Nacht vom 28. auf den 29 Dezember 2010 präsent. Da drangen tollkühne Borussen-Desperados listenreich bis ins Allerheiligste des Schalker Erzrivalen vor und zogen – O königsblaue Schmach! – auf dem Dach der Veltins-Arena das schwarz-gelbe BVB-Feldzeichen weithin sichtbar auf.

Nicht mehr zu übertreffen, dies alles? Von wegen! Ein bei Aldi Süd aufgenommenes Foto deutet auf ein Himmelfahrtskommando hin, das bislang für unüberwindbar gehaltene Grenzen des Mannesmutes pulverisiert und ganz neue Benchmarks setzt: Im Bild springt sofort die Sprühflasche mit Allzweckreiniger ins Auge, auf der ostentativ das Logo der Lidl-Eigenmarke „W5“ prangt. Kein Zweifel: Deutschlands ewig erfolgshungrigem Discount-Vize Lidl dürfte der Coup geglückt sein, eine als fünfte Putz-Kolonne getarnte Ermittlercrew in die Höhle des Löwen einzuschleusen. Die Investigativen können natürlich nur einen Auftrag haben : Allerletzte, supergeheimste Geheimnisse der Branchenmajestät ausbaldowern und dicke Dossiers nach Neckarsulm schaffen.

Wie schon bei früheren Meisterstücken dürften die umtriebigen schwäbischen Detektive dabei selbst entlegenste, finsterste Winkel ausleuchten. Rückhaltlos geklärt sein wird wohl bald, was Aldi in den mysteriösen schwarz-grauen Quadern mit der kryptischen Aufschrift „PET“ verbirgt. Und beim emsigen Schrubben des gegnerischen Terrains wird es den Spürnasen aus dem Sulm-Delta kaum verborgen bleiben, sollte der Branchenprimus einen in seiner Brisanz bisher völlig unterschätzten ladenbaulichen Vorsprung durch Fliesentechnik haben. Nachdem LZ-Kundschafter Lattmann ihr Treiben ans Licht recherchiert hat, müssen die Schwaben künftig freilich noch um einiges raffinierter ans Werk gehen als bisher. Direkt in Neckarsulm operierende LZ-Zuträger munkeln bereits von Plänen, Lidl-Ermittler nicht als Reinigungsbrigaden, sondern als Verbraucher zu tarnen. Geplant sei, die Filialen des Branchenführers allwöchentlich ratzeputz leerzukaufen – perfekt undercover!

11. März 2011 um 15:20 Uhr

Kunst im Supermarkt

Von Lattmann

Supermarkt und Kunst passen zusammen wie Feuer und Wasser: Irgendwie gar nicht.

Doch Barcodes sind pure Poesie. Was sonst nur einige wenige Handelsmanager empfinden, beweist nun auch die Künstlerin Susann Körner.

Über 20 Gedichte hat sie mit Hilfe von Kassenbons verfasst: Über Begegnungen im Alltag, über die Liebe oder einfach nur eine Sammlung dadaistischer Wortfetzen.

Irgendwann beim Überfliegen von Kassenbons habe sie Worte entdeckt, die aus einer eigenen Sprache zu kommen schienen, beschreibt Künstlerin Körner. Es entstand die Idee, so einzukaufen, dass ein Gedicht entstehe. “Ausgangspunkt war eine Sammlung gefundener Kassenbons, aus der ich mir einen Wortschatz gesucht habe.” Mit der Wortliste und dem Gedichtentwurf sei sie dann in die Supermärkte gegangen. Dabei war es teils schwierig, die Waren aufzuspüren, die sich hinter den Abkürzungen auf den Bons verbergen. “Wenn es den Artikel nicht mehr gab, musste ich direkt im Supermarkt umdichten”, beschreibt die Lyrikerin ihr poetisches Vorgehen.  Dann galt es, die Waren in der richtigen Reihenfolge auf das Laufband zu legen. Auf diesem Wege seien mittlerweile über 20 Gedichte entstanden. Auch der Handel zeigte sich der Kunstaktion aufgeschlossen: Viele Supermärkte erlaubten es ihr am Ende des Scannens alles zu stornieren oder halfen Fehler beim Scannen der Lebensmittel auszumerzen. In einigen Fällen bekam sie sogar eine eigene Kasse, um in Ruhe der Dichtkunst nachzugehen. Kassiererinnen und Freunde sammelten Kassenbons verschiedener Handelsformate zur phonetischen Anregung. Ihre Kunst findet immer mehr Freunde. Mittlerweile hat Körner ihre Werke einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Die Werke sind als Buch erschienen und können unter www.susannkoerner.de bestellt werden.

4. März 2011 um 16:04 Uhr

Nettos „Kleine Weinkunde“

Von Lattmann

Wenn man nicht gerade zu den Kenner zählt, ist es oft gar nicht so einfach, im Supermarktregal die passende Flasche Wein zu finden. Deshalb nutzen viele Händler zusätzliche Angaben als Orientierungshilfe, um Geschmacksnoten wie trocken oder lieblich auszuloben. Eine praktische Sache, sollte man meinen.

Doch manchmal sorgen solche Schildchen für eine mittelschwere Konfusion am Weinregal. Ein Beispiel zeigt dieses Foto, vor Kurzem geschossen in einer Netto-Filiale:

Als Geschmacksangabe weist das Regalschild „lieblich“ aus. Ein Blick auf die Flasche sorgt aber für Verwunderung, denn auf dem Etikett steht klar und deutlich „halbtrocken“. Ja, was denn nun, fragt sich der Weinfreund?! Die Verwirrung komplett macht dann das Preisschild: „trocken“, heißt es dort. Ob ein aufmerksamer Filialmitarbeiter wohl versucht hat, dem Kunden eine kleine Rechenaufgabe zu stellen?

„lieblich“ + „trocken“ = „halbtrocken“

16. Februar 2011 um 11:49 Uhr

Verbundpräsentation – made by Real

Von Lattmann

Als “Verbundpräsentation” wird im Einzelhandel eine Marketingmaßnahme bezeichnet, bei der unterschiedliche Waren, die miteinander in enger Verbrauchsbeziehung stehen, in direkter Nachbarschaft zueinander präsentiert werden.

Mit diesem Wissen ausgestattet schauen wir auf ein Foto, das Stephan Heinrich kürzlich in einem Real-Markt geschossen hat.

Und wir fragen uns: Wenn es sich hierbei um eine gewollte Verbundpräsentation handelt – welche Assoziation beim Kunden wurde da unterstellt?

Vielleicht diese: “Jetzt quengelt der Nachwuchs schon eine gefühlte Ewigkeit, weil er unbedingt das da haben will. Das wäre mir mit dem da nicht passiert”?

Vergleichbare Arrangements im Supermarktregal wurden übrigens schon häufiger beobachtet, wie dieses Beispiel aus England zeigt:

[gefunden bei off-the-record.de und werbeblogger.de]

31. Januar 2011 um 16:57 Uhr

Schneckentempo auf holländisch

Von Lattmann

Mobile Eater, Menschen, die wie sie jüngst in einer Nestlé-Studie beschrieben, beruflich angespannt sind und verstärkt ihre Mahlzeiten außer Haus verzehren,  sind in diesem Fall wohl nicht gemeint. Mobil bezieht sich in diesem Fall in Holland auf einsitzige Elektromobile für ältere oder gehbehinderte Personen. Diese sind im Nachbarland weitaus häufiger im Straßenbild zu sehen als in Deutschland. Und diese Vehikel sind oft sehr flott unterwegs. Schnellfahrer können auch bei Einkaufsfahrten in Supermärkten zu einer Bedrohung werden. Insofern ist es nachvollziehbar, wenn Kunden – wie es ein Einkaufszentrum am Eingang einfordert – von Affenzahn auf Schneckentempo runterschalten. Oder, um im Bild zu bleiben, die Geschwindigkeit von Hase auf Schildkröte drosseln…

Ich frage mich, ob der demographische Wandel die Ladengestalter der Zukunft vor ganz neue Herausforderungen stellen wird? Man stelle sich eine vielbefahrene Kreuzung im Real oder Edeka-Center vor, wo der Verkehr mittels Ampeln geregelt wird.

20. Januar 2011 um 14:51 Uhr

Hilf Aldi, hilf!

Von Lattmann

Was ist denn in den Brüderle gefahren? Via „Bild“ hat der Wirtschaftsminister die rettende Idee für alle Autofahrer verkündet, die derzeit unter Spritpreisen von 1,50 Euro pro Liter leiden: Die Discounter sollen es richten, Zapfsäulen auf ihre Parkplätze stellen und den großen Ölmultis auf diese Weise Paroli bieten. Inspiriert wurde der Minister dabei von Aldi Süd, dessen Tochter Hofer mit dem Konzept in Österreich schon vor anderthalb Jahren für Furore gesorgt hat. In den Zentralen der Discounter wurde man von der Forderung des Liberalen offenbar überrumpelt. Und das zu recht! Ist ja schließlich auch ungewohnt, dass ein Politiker an der Preisaggressivität von Aldi, Lidl, Netto und Co. mal etwas Positives findet und die Discounter öffentlich auffordert, härter ranzugehen.  Oder liegt es einfach daran, dass große Ölkonzerne in der Öffentlichkeit einfach weniger Sympathie genießen als – sagen wir mal -  arme Milchbauern? Bei seinem medienwirksamen Vorstoß hat Brüderle übrigens ganz vergessen zu erwähnen, dass Großflächenbetreiber wie Globus oder Real mit ihren Tankstellen die Stationen von Aral und Co seit Jahr und Tag um einige Cent unterbieten. Aber da kommt der Minister mit seinem Dienstwagen wahrscheinlich nicht so oft vorbei…

4. Januar 2011 um 15:51 Uhr

Schlecker nostalgisch

Von Lattmann

Am Wochenende flatterte mir der aktuelle Prospekt von Schlecker ins Haus.

Thema der Woche: Neujahrsputz 2011. “Perfekte Gelegenheit für eine große Putz-Aktion in den eigenen vier Wänden” und “So kommt der alte Ballast raus und frischer Wind rein”; heißt es da im Text, und ich bekomme Tipps, wie ich Rotweinflecken aus dem Teppich und Wachs aus der Tischdecke bekomme.

Wenn man sieht, dass Schlecker bei dem Prospekt jetzt seinen neuen, modernen und gefälligeren Schriftzug verwendet, dann könnte man fast glauben,  Schlecker wolle beim “Neujahrsputz” auch “Ballast abwerfen”. Der “frische Wind” könnte symbolisch für den selbstverordneten Aufbruch stehen.

Wie frisch der Wind bei Schlecker letztlich blasen wird, dürfte sich im Laufe des Jahres zeigen. Ein genauer Blick in den Prospekt stimmt einen allerdings nicht gerade optimistisch. Wird Schlecker wirklich die Kraft zur Veränderung besitzen und die Liebe zum Detail aufbringen? Oder wird eher halbherzig zu Werke gegangen?

Die abgebildeten Putzteufel, die durch den Prospekt wirbeln und das ganze Haus auf Vordermann bringen, legen letzteres nahe.  Für den neuen Schriftzug auf ihren Latzhosen hat die Fantasie offensichtlich nicht ausgereicht oder schlicht und ergreifend der Durchblick gefehlt.

Sie “glänzen” weiter im alten Outfit.

23. Dezember 2010 um 14:44 Uhr

Wie in der DDR

Von Lattmann

Einige Wochen vor Weihnachten, manchmal auch etwas später, gibt es alljährlich eine große Überraschung: Den Wintereinbruch. Ein herausragendes Ereignis, das eine ganze Welle großer Emotionen auslöst. Während Schnee und Eis Pendler zur Verzweiflung treiben und Hausbesitzer und Mieter den Räumdienst auf dem Bürgersteig vor der eigenen Haustür verfluchen, freuen sich die anderen auf weit ausgedehnte Langlauftouren oder einen lustigen Rodelausflug.

Dass Emotionen, sofern richtig genutzt, immense Chancen auf steigende Absätze mit erhöhter Wertschöpfung bergen, ist in jedem BWL-Lehrbuch nachzulesen. Vorausgesetzt natürlich, die Ware wird überhaupt angeboten.

Genau hier liegt aber alljährlich der entscheidende Knackpunkt. Schneeschieber, Schlitten oder Winterkleidung sind im Handel bereits seit Tagen ein überaus knappes Gut. Eine eigentlich etwas verwunderliche Tatsache, die bei mir die eine oder andere Frage aufwirft:

Warum brauchen anscheinend so viele Menschen alle Jahre wieder einen neuen Schneeschieber oder Schlitten? Warum lassen sich Hersteller und Handel alle Jahre wieder von Schnee und Eis und dem daraus erwachsenden Bedarf überrumpeln? Und das Allerwichtigste: Haben die Kunden dafür Verständnis?

Wenigstens letztere Frage kann ich wohl guten Gewissens beantworten: Mit einem klaren Nein. Sätze wie „Das gibt’s doch gar nicht“, „Es ist doch erst Dezember“ und „Sie kriegen doch aber hoffentlich bald wieder Nachschub“ sind dieser Tage vielfach im Handel zu hören. Oder, wie es einer Dame in einer Aufwallung negativer Emotion spontan entfuhr: „Das ist ja wie in der DDR!“

26. November 2010 um 14:23 Uhr

In der Kuschelecke

Von Lattmann

 

Was denn – Aldi Nord auf Tuchfühlung mit Netto Markendiscount? Im sächsischen Zwickau teilen sich die beiden Billiganbieter brüderlich nicht nur einen gemeinsamen Kundenparkplatz, sondern quasi einen ganzen Gebäudekomplex. Fehlt ja eigentlich nur noch, dass irgendjemand nächtens mal die fast papierdünne Anstands-Trennscheibe zwischen den Märkten nach oben herauszieht und den Kunden das ungehinderte Hin- und Herflanieren ermöglicht!

Dieses harmonische Miteinander lädt Branchenkenner gleichermaßen zum Schmunzeln wie auch zum Nachdenken ein. Am besagten Standort in der Otto-Hahn-Straße hätte – wie vielerorts in der Republik – gut auch ein selbstständiger Edekaner oder Rewe-Kaufmann in Nachbarschaft zur Essener Discount-Majestät Flagge zeigen können. Dass Netto hier fast unter einem Dach mit Aldi kuschelt, verdeutlicht, wie sehr sich die Discount-Zunft mittlerweile differenziert hat. Denn mit gutem Grund rühmt sich der Edeka-Sprössling werblich als „Discounter mit dem größten Sortiment“. Manch einer in der Branche spricht da sogar von einem „diskontierenden Supermarkt“.

In seinen Verkaufsstellen bietet das Unternehmen aus Maxhütte-Haidhof immerhin drei- bis viermal so viele Artikel wie die Genre-Fürsten aus Essen, Mülheim und Neckarsulm an. In Zwickau reizt Netto so manchen Kunden, der sein Shopping zunächst beim Nachbarn begonnen hatte, mit einer Bedientheke für Fleisch und Wurst zum Sprung über den Gartenzaun an. Das Sprichwort „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ mag zwar in vielen Lebensbereichen die Wirklichkeit gut beschreiben. Im wettbewerbsintensiven Lebensmittelhandel freilich gilt jene Volksweisheit, die gerade das Gegenteil verkündet: „Gegensätze ziehen sich an.“