Anuga 10. Oktober 2007 um 13:58 Uhr

Wie Heinrich Lübke die 50. Anuga eröffnete…

Von Gastautor

Peter Vonhoff gehört zur “Luftwaffenhelfer-Generation”; er durfte also bereits mit 15 ½ Jahren Soldat spielen. Mit Nachkriegsabitur, einem Jura-Studium und Ersparnissen von Studentenjobs machte er sich 1951 mit einem 38 qm-Lebensmittel-Laden selbständig. Mit Hilfe der Edeka entstand in 25 Jahren ein mittelständischer Filialbetrieb, der zuletzt zehn Filialen im Bonner Raum betrieb. Nach Wechsel zur Rewe folgte der Verkauf. In den nächsten zehn Jahren blieb Vonhoff als Berater mit der Branche in Verbindung, unter anderem bei der Gründung der Tochtergesellschaft der Lebensmittel Zeitung 1992 in Prag. Hieraus resultierten erste journalistische Arbeiten für Moderni Obchod und die LZ. Nach 15 Jahren als Fachjournalist und insgesamt rund 60 Berufsjahren “droht” ihm nun im nächsten Jahr der “Ruhestand”. Im LZ-Messeblog lässt er Erinnerungen aus mehr als 50 Jahren Anuga Revue passieren.

Von der bald 90-jährigen Geschichte der Anuga ist heute erstaunlich wenig bekannt. Die Messe gibt es seit 1919 im zweijährigen Rhythmus – immer in Jahren mit ungerader Zahl – nur durch Krieg und Nachkriegszeit unterbrochen. Aber erst 1925, nach Fertigstellung der neuen Messehallen am Rheinufer, die aufgrund einer Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer entstanden, erlangten die Kölner Messen wieder eine überregionale Bedeutung. Nach der Währungsreform, ab 1949, bekam die Anuga zunehmend dann auch internationales Ansehen.

Ich besuchte sie erstmals 1955 und war so beeindruckt, dass ich beschloss, sie regelmäßig zu besuchen. Zwei Jahre später, also vor genau 50 Jahren, bekam ich an einem kleinen Stand, am Übergang zwischen zwei Messehallen, erstmals eine Lebensmittel Zeitung in die Hand. Ich wurde Abonnent und habe die LZ von da ab bis heute regelmäßig gelesen. Das waren immerhin rund 2600 Exemplare, addiert dürften es wohl über 200.000 Seiten gewesen sein. Seit dieser Zeit besteht für mich zwischen der Anuga und der LZ ein direkter Zusammenhang. Beide Institutionen sind für die Ernährungswirtschaft unverzichtbare Informationsquellen.

Auf der Anuga 1957 war das beherrschende Gesprächsthema der wenige Wochen zuvor in Köln eröffnete Riesen-Supermarkt von Herbert Eklöh. In einer umgebauten Radsporthalle hatte der Pionier der Selbstbedienung es gewagt, auf über 2000 qm einen Supermarkt amerikanischer Dimensionen mit allen Schikanen zu errichten. Viele Anuga-Besucher nutzten damals ihre Anwesenheit in Köln zum Besuch der Branchensensation auf der anderen Rheinseite und konnten sich so vorerst eine Studienreise in die USA sparen. Das liegt nun ein halbes Jahrhundert zurück und nur noch wenige wissen etwas von den mühsamen Anfängen der Selbstbedienung und der Gestaltung eines SB-gerechten Sortiments.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert werde ich in diesem Jahr nun nicht mehr nach Köln fahren können. In Erinnerung bleiben mir etliche Highlights der etwa 20 “Anugas”, die ich besucht habe. Zum Beispiel die von 1967, wo ich auf einem so genannten “Markenforum” neben Altkanzler Ludwig Erhard, dem Fleischfabrikanten Karl-Ludwig Schweißfurth, Hans Otto Wesemann, einem bekannten Wirtschaftskommentator und anderen Prominenten als junger unbekannter Händler die Interessen des Einzelhandels vertreten sollte. Damals wurden die meist noch kleinen Läden mit Werbeaktionen überschüttet. Keine Woche verging, wo nicht wenigstens drei Preisausschreiben der Markenindustrie vom Handel zu bewältigen waren. Der Aufwand an Displays stand in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Dazu fiel mir in der heftigen Diskussion ein Vergleich ein, der von der Presse in den nachfolgenden Tagen mehrfach zitiert wurde: “Die Regale des Handels sind keine Kolonien, wo wie einst das Land für Glasperlen erworben werden konnte.”

Tatsächlich ebbte die Flut der Preisausschreiben bald darauf ab, aber mein Bekanntheitsgrad in der Ernährungsbranche nahm zu. So zählte ich auf der Anuga von 1969, wo ihrer Gründung 50 Jahre zuvor besonders gedacht wurde, zu den Ehrengästen als Vertreter des Einzelhandelsverbandes. Damals eröffnete erstmals ein Bundespräsident die Anuga. Es war Heinrich Lübke, gerade zum Präsidenten gewählt, vorher Landwirtschaftsminister unter Adenauer. Er hielt die Eröffnungsansprache. Von seiner Frau stets ermahnt, wenigstens den Anfang seiner Reden frei zu sprechen, begann er nach der üblichen Anrede seine Ansprache mit dem Satz “Der Hunger in der Welt bedroht uns alle.” Es folgte ein allseits betretenes Schweigen. Vermutlich hatten einige afrikanische Würdenträger unter den zahlreichen Ehrengästen Heinrich Lübke abgelenkt und ihn gedanklich in eine andere Veranstaltung versetzt.

Seine Ehefrau und Managerin Wilhelmine gab ihm Zeichen, nun doch das Manuskript zu benutzen. Es kam zu einer weiteren Kunstpause, weil der oft leicht zerstreute Präsident in seinen Jackentaschen nach der Brille suchte, die er allerdings bereits auf der Nase hatte. Er schloss seine Ausführungen wiederum mit einem frei gesprochenen Satz, “Hiermit eröffne ich die fünfzigste Anuga”. Was erneut für Heiterkeit sorgte, denn es war ja nur ihr 50ster Jahrestag. Die gute Stimmung im Saal wurde noch besser, als danach Oberbürgermeister Burauen, ein Kölner Original, seine humorvolle Rede mit einem Zitat von Brillat-Savarin begann: “Die Erfindung eines neuen Gerichtes ist für die Menschheit wichtiger als die Entdeckung eines neuen Sterns.”

Dieses Bonmot passte ausgezeichnet zum zweiten Teil des Messetitels “Genussmittel”, denn damals folgte auf die “Fresswelle” der ersten Nachkriegsjahren die so genannte “Edelfresswelle”, die ganz im Zeichen des Wirtschaftswunders stand. Für viele Händler gab die Anuga in diesen Jahren durch die Einführung der Ländersschauen entscheidende Impulse zur Sortimentserweiterung durch Importartikel. So wurde die Messe wirklich ein “Tor zur Welt”. Peter Vonhoff

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