Biofach 22. Februar 2009 um 14:29 Uhr

Treue-Diskussion erstaunlich frei von Dogmen

Von Silke Biester
treue

Moderator Volker Laengenfelder, Konrad Holzner (Grüner Markt) , Monika Reske (Vierlinden), Ulrich Walter (Lebensbaum), Volker Krause (Bohlsener Mühle) und Prof. Dr. Ulrich Hamm (Universität Kassel)

Das Thema Fachhandels-Treue ist  ja seit Jahren nicht nur heiß diskutiert. Es wird beizeiten dogmatisch als einziger Heilsbringer für die Branche verteidigt – oder vielmehr von einigen Fachhändlern eingefordert. In der Realität ist klar, dass es eine Illusion ist. Doch offen und ehrlich darüber sprechen wollte bisher keiner. Doch wenn die Diskussionsrunde mit zwei Fachhändlern und zwei (echten??) Bio-Marken-Herstellern zur Fachhandels-Treue tatsächlich als Spiegel der Branche gesehen werden kann, dann bricht etwas auf in den Köpfen.  

Regelrecht befreiend entwickelt sich die Runde nach Volker Laengenfelders Eingangsprovokation “Sind wir nicht alle schon mal fremdgegangen?”  Naja, und wie im Privaten auch, ist Fremdgehen irgendwie eine Interpretationsfrage. Was dem einen höchst verwerflich erscheint, ist für den anderen kaum der Rede wert: “Da war doch nichts, ehrlich.”

“Was bietet uns eigentlich der Fachhändler dafür, dass wir ihm treu sind”, stellt der Bohlsener-Mühlen-Chef Krause die Frage nach den gleichen Regeln für beide Partner. Denn die Händler nähmen sich ja auch alle Freiheiten und sind den Markenartiklern schon lange nicht mehr treu. Handelsmarken und Produkte aus Lohnabfüllung sind schließlich längst fester Bestandteil im Fachhandelssortiment. “Wer Fachhandelstreue fordert, muss auch Fachmarkentreue leben”, bringt er auf den Punkt, dass sich schlicht die Marktrealitäten geändert haben.

Auch der Branchen-Experte Prof. Dr. Ulrich Hamm gibt dem Fachhandel Kontra: “Im Fachhandel versickern die Spannen”, kritisiert er. “Die Werte, die von Bauern und Herstellern geschaffen werden, werden durch Ineffizienz im Handel wieder vernichtet.” Zudem orienterten sich die Sortimente oftmals nicht an den Wünschen der Verbraucher, sondern an den Überzeugungen der Inhaber. Aber “das interessiert die nicht”, pflichtet die Händlerin und Chefin der Vierlinden-Biomärkte, Monika Reske, bei. 

Sie fordert allerdings zugleich, dass auch etliche Markenhersteller mehr auf die Konsumenten einstellen sollten. “Manche vermeintlichen Neuheiten kommen so angestaubt daher und bekommen überhaupt keine kommunikative Unterstützung, dass sie keiner kennt und auch keiner braucht. Da wird viel Energie verschwendet.”

Einig ist man sich in der Runde, dass statt des Gegeneinanders mehr Miteinander und Austausch stattfinden muss. “Die Kräfte müssen gebündelt werden”, stagt Hamm. Und Lebensbaum-Chef Ulrich Walter ergänzt: “Statt nach Schuldigen zu suchen, sollten wir uns mehr auf unser eigenes Geschäft konzentrieren.

“Der Fachhandel hat in Deutschland auch in Zukunft gute Chancen,” zieht Walter ein Fazit. “Doch durch die Diskussion der letzten Jahre, sorgt nur für Verunsicherung und bringt uns nicht weiter.”

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Ein Kommentar

  1. Elfriede Dambacher

    Ähnliche Diskussion mit ähnlichen Ergebnissen fand auch auf dem Vivaness Forum statt: Naturkosmetik am Scheideweg.
    Einen Aspekt möchte ich zufügen:
    Der Begriff Fachhandel wird aus der Historie heraus vom Naturkosthandel als Synonym für die eigene Branche verwendet. Andere Branchen werden nicht als Fachhandel angesehen, obwohl diese ebenfalls die Merkmale eines Fachgeschäfts bzw Fachmarktes aufweisen. Das führt immer wieder zu Missverständnissen. So zählt für die Bioszene auch der Biosupermarkt, (in der Literatur dem Handelsformat Fachmarkt- für Biolebensmittel) zuzuordnen, ebenfalls dazu. Gleichzeitig werden Kosmetikfachgeschäfte wie Parfümerien und Fachmärkte für Kosmetik wie Drogeriemarkt damit jedoch nicht eingeschlossen.
    Hier braucht es künftig mehr Klarheit.